Spanien nimmt im Kontext der interkulturellen Forschung zur Nord-Süd-Dichotomie eine besondere Rolle ein, da der nordeuropäische Reisende gerade auf der Iberischen Halbinsel, besonders an der Mittelmeerküste, seinen Gegensatz sucht - den Rand Europas - und auf diese Randgeografie seine Vor-stellungen und vorgefassten Bilder projiziert. Dabei handelt es sich, wie Dieter Richter es treffend formuliert, meist um topographische Konstrukte des Intellekts, um Koordinaten einer mentalen Geographie (Der Süden: Geschichte einer Himmelsrichtung, Berlin 2009). Doch Spanien ist ein dreifach besetztes Land: südlich (außer-europäisch), östlich (orientalisch), westlich (europäisch) und stellt gewissermaßen einen dritten Raum zwischen Nord und Süd dar, den die anderen Mittelmeerländer nicht teilen. Die Mittelmeerküste verwandelt sich in Spaniens Süden und Osten in eine quasi mythische Projektionsfläche; in einen konkreten geografischen Raum mit einer immateriellen Aura, die in Konflikt zu den allgemein akzeptierten europäischen Identitätsdiskursen steht. Die Alpen, die Pyrenäen und schließlich das Mittelmeer haben im Laufe der Geschichte eine immer konkretere kulturelle Trennungslinie dargestellt, eine natürliche Grenze, die nicht nur den Süden vom Norden trennt, sondern auch die Mittelmeerländer untereinander differenziert. Ziel des Beitrags ist, die besondere Stellung der Mittelmeerküste anhand deutscher Reiseliteratur im Überblick zu beschreiben und diese in das Spannungsverhältnis zum Norden einzuordnen. Eine räumliche Perspektive ermöglicht hierbei eine Semantisierung der Südlichkeit, die die Beziehung zwischen realem und imaginärem Raum sowie die Verschiebung der geografischen und psychologischen Grenzen hinterfragt.
Gutiérrez Koester, I.: "Spaniens Mittelmeerküste als kulturelle Topographie zwischen Süd und Nord". Das Mittelmeer im deutschsprachigen Kulturraum. Grenzen und Brücken, ed. por Zanasi, Giui et al. Tübingen: Stauffenburg, 2018.
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